Zelten unterm Nordlicht

Während meines diesjährigen Winterurlaubs im März/April 2026 in Mehamn hatte ich mein All-seasons-Zelt mit im Gepäck, samt Wintermatte und -schlafsack, um meinen Tourenradius zu erweitern. Kernstück meiner Pläne war heuer eine Dreitagestour zum Kinnarodden, dem nördlichsten Landpunkt Europas, den ich ja schon vom Sommer her kannte. Gemeinsam mit Freund Dieter, mit dem ich vor zwei Jahren bereits eine mehrtägige Schneeschuhtour zum Skipskjølen (samisch Bealjaidčearru) im Varanger-Nationalpark unternommen hatte. Doch damals hatten wir in Hütten übernachtet. Diesmal hieß es übernachten im Zelt.

 

 

Ich hatte mich gut vorbereitet, eine mit Daunen gefüllte Wintermatte gekauft, Schneeheringe für mein All-Seasons-Zelt, und eine leichte, zerlegbare Aluschaufel. Auch mein dicker, 2 kg schwerer Expeditionsdaunenschlafsack wurde wieder aktiviert.

Doch dann, kurz vor meinem Abflug nach Mehamn, rief mich Dieter an und sagte, er habe lange mit sich gekämpft, aber er könne leider nicht mitgehen. Schade!

Also habe ich beschlossen, allein zu gehen. Dieter hat mir noch die Rutsche gelegt zu den Leuten von Nordic Safari in Mehamn, die er von diversen Tourismussitzungen kannte. Schließlich war Dieter bis zu seiner Pensionierung lange Jahre auf der Nachbarhalbinsel Leiter eines Gästehauses und Campingplatzes und Tourguide. Vidar ist zwar gerade mit Gästen auf Safari in Finnland, als ich bei Nordic Safari vorbeischaue. Aber Kolbjørn erklärt sich bereit, mit mir während der Tour täglich Kontakt zu halten und aktiv zu werden, wenn mir irgend etwas passiert oder ich mich länger nicht mehr melde. Doch dann macht mir im letzten Moment das Wetter einen Strich durch die Rechnung. 

Im Februar hat es hier heroben mächtig geschneit. Soviel Schnee hatten sie schon lange nicht, erzählt mir Yulia, die Ukrainerin, die früher mein Quartier hier betreut hat und jetzt in ihrem Stammberuf als Näherin im Arctic Shop arbeitet.

Es tut gut zu sehen, wie sich Yulia weiterentwickelt hat. Mit ihren handgefertigten Kreationen – Sweater, Mützen und Stirnbänder, T-Shirts, Polsterüberzüge etc. – sind Yulia und ihre beiden Landsleute mit ihren Produkten mittlerweile nicht nur im Arctic Shop in Mehamn, sondern auch in einigen anderen Geschäften hier in der näheren und weiteren Umgebung erfolgreich präsent. Selbstverständlich macht Yulia auch Einzelanfertigungen. Unlängst kam eine Braut zu ihr und wollte ein maßgeschneidertes Brautkleid, erzählt sie. 

Als ich bei ihr im Arctic Shop bin, ist gerade eine Einheimische da. Sie möchte ihren Anorak repariert haben. Denn auch das machen Yulia&friends, Reparaturservice. Eine zeitgemäße, schöne Idee.

Doch zurück zum Wetter. Als ich am 11. März in Mehamn ankomme, ist alles weiß. Doch leider beginnt zwei Tage später eine Tauwetterperiode. Etwas weiter oben im Fjell gibt es zwar nach wie vor Minustemperaturen. Doch in Küstennähe, und dazu zählt eben auch die Felsnase des Kinnarodden, hat es zwei bis drei Plusgrade. Nicht einmal in der Nacht gefriert es dort. Was befürchten lässt, dass der Schnee dort nass und sumpfig ist bzw. von großen aperen Flächen durchzogen.

Also habe ich im letzten Moment umdisponiert und beschlossen, zunächst einmal von Mehamn quer über die Hochebene bis zum Storvarden zu gehen, der mit seinen 486 m der höchste Berg auf der Nordkinnhalvøya ist.

 

Übers Fjell zum Storvarden (33 km)

Sonntag, 15. März 2026

Bereits am Vorabend habe ich alles gepackt. Der dicke Islandpulli ging leider nicht mehr in den Rucksack hinein, weil der Expeditionsschlafsack und die Wintermatte ziemlich viel Platz wegnehmen. Also hoffe ich, dass ich mit mehreren Merinowollschichten plus Unterziehdaunenjacke das Auslangen finden werde.

Und weil es um diese Jahreszeit um ca. 18 Uhr finster wird, starte ich um 5 Uhr früh los, um genügend Zeit zu haben. Ich habe zwar auch Stirnlampe und Taschenlampe mit im Gepäck, aber in unbekanntem Terrain im Finstern zu gehen muss nicht unbedingt sein. Trotz GPS-Gerät, das ich natürlich dabei habe.

Ich steige also das Vassdalen entlang der Wasserleitung hoch zum Middagsvannet und weiter Richtung Futelva. Am Himmel zeigt sich zartes Rosa am gelbgrün gefärbten Horizont. Schließlich schimmert auch die Sonne blass hinter den Wolken durch. 

 

Frühstart zur Storvardentour

 

Eigenartige Lichtstimmung über der Middagstuva

 

Als ich so durch die Landschaft stapfe und der Schnee bei jedem Schritt unter den Schneeschuhen knirscht, überkommt mich ein kurzer Anflug von Kleinheit angesichts der mächtigen Weite der Landschaft. Ich bin ein bissel aufgeregt, weil es ja das erstemal ist, dass ich im Winter zelten werde. Eine Doku im ZDF fällt mir ein, über drei Frauen, die von Abisko in Nordschweden drei Tage hinüber nach Norwegen gewandert sind, mit Schiern und Pulk. Man brauche schon eine gewisse geistige Festigkeit, um diese gewaltige Landschaft und Einsamkeit auszuhalten, sagte eine der drei. Dabei waren die dort obendrein in Begleitung eines Kamerateams und schliefen jede Nacht in Schutzütten. Allerdings sollte ich feststellen, dass auch ich keineswegs allein in diesen weißen Weiten unterwegs sein würde. Und damit meine ich nicht nur die Schneehasen und die allgegenwärtigen Ryper, wie die Schneehühner hier lautmalerisch heißen. Sondern auch die Schneescooter, mit denen die Norweger im Winter durchs Fjell sausen.

Als ich die Geländerippe erreiche, die den Futelva entlang führt, stoße ich auf die erste Scooterloipe, die hier den Fluss kreuzt und in Richtung Langvannet führt. Mittlerweile hat sich auch die Sonne gegen die Wolken durchgesetzt. Beim Langvannet zweigt die Loipe schließlich nach rechts ab und führt über den wahrhaft langgestreckten See von Nord nach Süd. Selvaste Persen, der Taxiunternehmer aus Mehamn, erzählt mir später, dass die Einheimischen gern gehabt hätten, dass die Loipe vom Langvannet direkt weiter zur "Scooter-Bucht" am Stjernevannet führt, einer Hütte des örtlichen Scootervereins, die heute mein Ziel ist. Doch der Staat erlaube nur eine gewisse Maximalanzahl an Loipenkilometern, und eine Verlängerung der Loipe hier hätte eine Verkürzung an anderer Stelle bedeutet. 

Am Langvannet sehe ich auch den ersten Scooterfahrer, der offenbar eine Hütte auf einem kleinen Holm im See hat. Von hier aus gehe ich mit GPS weiter. Denn gerade im Winter, wo charakteristische Seenformationen und Flüsse als Orientierungshilfen wegfallen, ist es nicht so einfach, sich nur mit Karte zurechtzufinden in dieser weitläufigen Landschaft. Obwohl, Längsrippen zu zählen, die man überquert, hilft schon beim Orientieren.

 

Die Hütte thront auf einem Holm im Langvannet

 

Am späteren Nachmittag bin ich schließlich auf einem Hügel oberhalb der Scooter-Bucht angelangt. Eigentlich hatte ich damit geliebäugelt, dort übernachten zu können. Denn laut Kolbjørn ist sie frei zugänglich für alle. Aber als ich die winzige Hütte sehe und all die Scooterfahrer und Eisfischer, die sich dort tummeln, beschließe ich, mir lieber einen schönen Zeltplatz zu suchen.

 

Scooterhütte mit Eisfischern (der kleine Punkt rechts am See)

 

Noch eine kleine Jause im milden Abendlicht

 

Dann baue ich mein Zelt auf

 

In den letzten Sonnenstrahlen baue ich schließlich mein Zelt mit Blick aufs Koifjordfjellet auf. Die Schneeheringe halten gut in der hartgefrorenen Schneeoberfläche. Und die Wintermatte isoliert wunderbar gegen den kalten Boden. Doch als ich die Gaskartusche heraushole, um mir eine warme Mahlzeit zu bereiten, bockt sie. Erst als ich den Kocheraufsatz ganz, ganz fest auf die Kartusche schraube, kommt etwas Gas heraus. Die Flamme wird aber gleich wieder schwächer. Ich muss den Kocheraufsatz nochmals mit aller Kraft nachschrauben, um endlich eine leidlich starke Flamme zu erzielen. Zunächst schiebe ich das auf die Kälte. Doch später sollte sich zeigen, dass es offenbar an der Kartusche lag.

Als ich endlich mein gefriergetrocknetes Turmat aufgegossen habe, ist mir so kalt, dass ich am ganzen Körper zittere. Und das wird auch nicht viel besser, als ich sämtliche verfügbaren Schichten anziehe und mich tief im Schlafsack verkrieche, nur mit einem kleinen Atemloch beim Kopfteil. Schließlich schlafe ich doch ein. Aber irgendwann muss ich unweigerlich raus in der Nacht. 

Doch als ich aus dem Zelt herauskrieche, werde ich tausendmal entschädigt für all die Strapazen! Am Nachthimmel über mir funkeln die Sterne in einer Intensität, wie ich sie sonst nur aus der Wüste kenne. Und dazwischen die zarten Schleier der Nordlichter. Ein unbeschreibliches Erlebnis, das so nur abseits jeglicher Behausungen und Kunstlichter inmitten der einsamen Schneelandschaft möglich ist.

Eigentlich hatte ich mir ja extra ein kleines Stativ mitgenommen plus eine Beschreibung der Kameraeinstellungen für Nordlichtaufnahmen, die ich mir vom Fotohändler hatte geben lassen. Aber dazu habe ich jetzt nicht den Nerv. Ich genieße lieber einfach so. Und flüchte mich dann wieder in den Schlafsack. Als ich um halb zwei Uhr morgens zum zweitenmal aufwache, ist mir endlich richtig warm. Ich beschließe, gleich aufzustehen, damit ich beim ersten Morgenlicht gegen vier Uhr losstarten kann. Denn all das Schneeschmelzen fürs Frühstück und das Füllen der zwei Thermoskannen für unterwegs dauert, genauso wie das Einpacken und Verstauen im Rucksack und der Zeltabbau. Letzterer dauert dann länger als geplant, weil die Heringe über Nacht im Schnee festgefroren sind und ich jeden einzelnen mit Hilfe der Schneeschaufel mühsam heraushacken muss.

 

Montag, 16. März 2026

Um fünf Uhr hab ich es emdlich geschafft und stapfe los in Richtung Storvarden, der von hier aus bereits gut sichtbar ist. Anfangs gehe ich noch mit GPS, bis ich schließlich wieder auf eine Loipe stoße, von der ich weiß, dass sie auf den Storvarden hinaufführt. Das Wetter ist wieder herrlich, der Schnee glitzert in der Sonne. Die Sicht ist weit. Und mir ist schön warm. Trotzdem fühle ich mich noch etwas gerädert von der Nacht. 

 

Morgenröte

 

Diese Scooterloipe führt Richtung Storvarden

 

Ich nähere mich dem Risfjordelva

 

Da drüben beginnt der Aufstieg auf den Storvarden

 

Schließlich quere ich den Oberlauf des Risfjordelva und beginne mit dem Aufstieg auf den Storvarden. Für Alpenbewohner:innen mag ein Berg mit der Höhe von 486 m lächerlich klingen. Dennoch sind diese Berge hier auf ihre Art gewaltig. Sie erstrecken sich über ein riesiges Gebiet, kilometerweit. Und wenn man hinaufgeht, muss man feststellen, dass immer dann, wenn man glaubt, jetzt ist man gleich oben, der nächste Anstieg auftaucht, und der nächste ... und wenn man dann endlich ganz oben ist, dann ist da kein schlanker Gipfel, sondern ein weites Gipfelplateau, bei dem es schwierig ist, den höchsten Punkt unter gleichen auszumachen.

Während ich also langsam den Storvarden hinaufstapfe, beginnt die Loipe lebendig zu werden. Die Scooterfahrer sind in der Regel in Gruppen unterwegs und überholen mich von hinten, begegnen mir von vorn. Der Storvarden scheint so eine Art Wintersport-Hotspot hier heroben zu sein. Die Scooterfahrer:innen sind alle freundlich, jede:r einzelne grüßt mich beim Vorbeifahren. Ein Frau, die ihren Scooter im Stehen steuert, bedeutet mir, ich könne bei ihr aufsitzen, wenn ich will. Jedenfalls habe ich ihre Geste so interpretiert. Aber nein, diesen Berg will ich schon selbst besteigen. Will dabei vielleicht auch schnaufen, aber dafür ein Gespür für diesen Berg gewinnen, jeden einzelnen Hang und jede Kurve auskosten. Seine Mächtigkeit spüren. Und die wunderbare Aussicht genießen, die sich immer mehr eröffnet, je weiter ich hinaufkomme. Die Wahrnehmung und Intensität des Erlebten hängt ja auch stark von der Reisegeschwindigkeit ab.

Als ich endlich oben bin, sehe ich, dass linker Hand vom Meer her Nebelschwaden durch die Täler und Mulden heraufkriechen. Und der Himmel beginnt sich langsam zu verziehen. Und nein, ich will im Moment keine zweite Nacht zelten, noch dazu ohne Nordlicht. Denn der Himmel hat sich nun rasch mit Wolken bedeckt. Deshalb schreibe ich eine sms an Kolbjørn, dass ich von hier aus ins Tal nach Skjånes absteigen und nicht zurück übers Hochland gehen werde.

 

Oben am Gipfelplateau öffnet sich der Ausblick

 

Die Hütte am Storvarden

 

Diesen Scooterspuren folge ich abwärts

 

Doch nun nähere ich mich den steilen Uferbergen

 

Der Abstieg ist noch mal spannend. Denn ich habe zwar GPS-Punkte für die Piste, die im Sommer hier herauf zu einer Art Wetterstation führt (jedenfalls halte ich die einsame Hütte nahe des Storvardengipfels für eine solche). Doch es ist zuuu verlockend, einfach den Scooterspuren zu folgen. Die verzweigen sich allerdings immer mehr. Die Norweger sind richtige Kunstfahrer, die übermütig an den steilsten Hängen ihre Kurven drehen, die Herausforderung im Gelände suchen und notfalls mit ihren fahrbaren Untersätzen sogar springen, um schmale Taleinschnitte und ähnliches zu überwinden.

Ich entscheide mich also für drei Spuren, die zügig ins Tal führen. Schließlich habe ich knapp 500 Höhenmeter bis zur Küste hinunter zu überwinden. Gleichzeitig ist mir aber bewusst, dass das unvernünftig ist. Ich hätte meinen GPS-Punkten folgen sollen. Tatsächlich geht es eine zeitlang wunderbar abwärts. Doch dann tauchen die wild zerklüfteten Uferberge auf, die steil zum Meer abfallen. Aus Erfahrung weiß ich, dass in dieser Gegend die letzten 100 Meter bis zur Küste immer die schwierigsten sind. Aber die Scooterfahrer sind ja Einheimische, denke ich. Die werden wohl wissen, wie sie gut unten ankommen.

Ja, eh. Doch auf etwa 90 m Seehöhe führt die Spur plötzlich über einen großen See, das Storvatnet, sagt das GPS. Hier in Küstennähe ist die Eisfläche bereits ziemlich weich und morsch. Ich sehe, dass die Scooterfahrer immer wieder ein Stück weit eingesackt sind und wohl nur dank ihrer Geschwindigkeit Schlimmeres verhindern konnten. Vorsichtig weiche ich aus, wo die Spuren besonders tief eingegraben und nass sind. Schließlich sehe ich, dass die Spuren nach links abbiegen und ein ziemlich steiles Seitental hinaufführen. Ein Blick auf mein GPS zeigt mir, dass es von dort oben nicht weit zur regulären Route ist. 

Da ich nicht in unbekanntem Terrain nach möglichen Abstiegen suchen will, muss ich also notgedrungen das steile Seitental hinauf. Doch dann ist es geschafft. Erleichtert sehe ich die Markierungen der Loipe vor mir, und bald kann ich auch einen ersten Blick auf die Bucht von Skjånes erhaschen. Ich rufe Selvaste Persen aus Mehamn an, damit er mich mit dem Taxi abholt. Und tatsächlich, er hat sofort Zeit. Er wird etwa 45 Minuten brauchen, bis er da ist, sagt er.

 

Endlich zeigt sich die kleine Bucht von Skjånes

 

Die Heimfahrt ist dann angenehm. Selvaste erzählt und erzählt. Dass heute früh die Straße gesperrt war, weil die großen Rentierherden hier vorbeigezogen sind. Dass die Vielfraße den Herden folgen, weil sie sich dort leichte Beute erhoffen. Und dass sie aus reiner Lust am Töten mehr Tiere erlegen, als sie fressen können. Er erzählt, dass gestern der letzte Tag war, an dem die Schneehühner bejagt werden durften. Und dass es in Mehamn nur mehr wenige Fischer gibt, seit vor einigen Jahren die örtliche Fischverarbeitungsfabrik pleite machte. Damals hätten die meisten der rund 300 Fischer ihre Fanglizenzen verkauft. Heute gäbe es nur noch 13 oder 14 Fischer hier. Als ich ihn frage, woher denn dann die Wirtschaftskraft der Gemeinde komme, weiß er aber keine rechte Antwort. Als ich ihm schließlich von meinem Nordlichterlebnis erzähle, fragt er: "Hast du das Nordlicht auch gehört?" "Nein", sage ich verblüfft. Er: "Wenn man genau hinhört, hört man es knistern." Bei diesen Worten fällt mir ein, dass ich so etwas schon mal irgendwo gelesen hatte. Und nehme mir vor, beim nächstenmal aufmerksam zu lauschen.

 

Rundtour via Hysvannet, Futelvstua und Medtuva (31 km)

Nach meiner Tour zum Storvarden wurde der Norden Norwegens von einer mehrtägigen Warmwetterperiode mit viel Regen heimgesucht – genau das richtige, um den Schneevorrat gehörig zu dezimieren. An der Küste kam das braune Vorjahresgras durch, auch wenn dickere Schneeansammlungen, die sich beispielsweise in Mulden und durch Verwehungen angesammelt hatten, dem Wetterangriff immer noch tapfer standhielten.

Am Samstag, dem 21. März, machte ich dann eine Tagestour zur Medtuva – weil nun wieder die Sonne schien, wenngleich selbst in höheren Lagen die Temperatur immer noch leicht über null Grad lag. Einerseits wollte ich einfach wieder hinaus ins Fjell, auf der anderen Seite wollte ich auch die Verhältnisse in höheren Lagen erkunden. Denn ich plante bereits meine nächste Zweitagestour den Wasserleitungsweg hinauf zum Lille Svarthollvannet und weiter auf dem Bergkamm entlang des Hysvannet bis zur Futelvstua. Am nächsten Tag wollte ich zur Mehamnelv bru absteigen, wo die Straße nach Kjøllefjord von der Hauptstraße Richtung Süden abzweigt. Und von dort auf der anderen Seite des Mehamnelva quasi "von hinten" (von Mehamn aus gesehen) auf die Medtuva und von dort nach Mehamn zurückgehen. 

Was mich zögern ließ, gleich zu dieser Zweitagestour loszustarten, war, dass die Temperatur immer noch über der Nullgradgrenze lag, auch in höheren Lagen. Und der Wind. Laut Wetterbericht wurde in diesen Tagen Sturmwarnung, wenngleich auf der niedrigsten Stufe, ausgegeben. Für meine Erkundungstour auf die Medtuva ließ ich mich aber davon nicht abhalten. Am Anfang blies es auch tatsächlich heftig. Doch dann kam die Sonne heraus, und der Wind wechselte von "liten kuling" (etwa "kleiner Sturm") auf steife Brise. Der Schnee war allerdings von dem vielen Regen matschig, auch auf der Medtuva oben. Und die Gewässer, von denen es recht viele hier gibt, waren meist offen, oder jedenfalls nicht von einer tragfähigen Eissschicht bedeckt. Wenigstens sah man sie klar und deutlich. Denn wenn sie hartgefroren und von Schnee bedeckt sind, kann man höchstens von Taleinkerbungen auf Flüsse und von größeren ebenen Flächen auf Seen schließen.

 

Bei meiner Erkundungstour zur Medtuva sind viele Gewässer offen

 

Glücklicherweise wurde es am Sonntag dann wieder kälter. Und obwohl für Montag, den 23. März, immer noch Sturmwarnung von 13 m/sec mit Spitzen bis zu 18 m/sec angesagt wurde – in der Nacht sollte sich der Wind sogar auf 16m/sec mit Spitzen bis zu 23 m/sec steigern – zog ich los. Ich wollte ja in der Hütte übernachten, wusste aber nicht, ob sie offen war. Kolbjørn hatte nur vage gemeint, als "Fjellstua" sollte sie eigentlich offiziell zugänglich sein.

Ich packte also sicherheitshalber mein Zelt ein, und im letzten Moment auch noch die Watschuhe. Denn falls einzelne Bäche oder Flüsse immer noch offen waren, musste ich ja irgendwie drüber kommen.

 

Montag, 23. März 2026

Montag um halb vier Uhr morgens ist es dann so weit. Ich starte beim ersten Tageslicht los. Der Zustieg zur Tour über die vereisten Straßen von Mehamn ist ein Eiertanz. Aber es ist gut, dass nun auch hier herunten wieder Minustemperaturen herrschen. Der Wind ist heftig und trifft mich schräg von vorn, und er wird sich laut Wetterbericht noch steigern. Als ich Berg 221 (die Zahl gibt auf der Karte die Höhenmeter namenloser Berge und Seen an) hinter dem Lille Svarthollvannet passiere, beschließe ich, nicht über den Grat entlang des Hysvannet zu gehen, weil ich dort oben dem Wind viel ausgesetzter gewesen wäre. Sondern etwas unterhalb davon hügelauf, hügelab Richtung Austre Holmevatnet. 

Das macht auch Spaß. Denn wenngleich ich auch für diese Variante GPS-Punkte in mein Gerät eingegeben habe, ist dieser Weg neu für mich. Den Grat kenne ich ja schon vom letzten Sommer. Faszinierend finde ich, dass der kurze Kälteeinbruch offenbar gereicht hat, um die Gewässer wieder tragfähig zu machen. Ich probiere es aus, aber die Eisdecke hält. Also marschiere ich auch über den einen oder anderen See, weil ich außen rum einen ziemlich großen Umweg hätte machen müssen. Beim erstenmal öffne ich noch die Rucksackgurte und ziehe die Hände aus den Schlaufen der Stöcke, um bei einem Einbruch ins Wasser rasch handlungsfähig sein zu können. Aber nachdem alles wie erwartet gut geht, verzichte ich fortan auf diese Vorsichtsmaßnahme.

Mittlerweile ist auch die Sonne herausgekommen. Und die Landschaft glitzert im frisch gefallenen Neuschnee des gestrigen Tages. Beim Hysvasskaret wechsle ich dann doch auf den Grat hinauf. Und ich freue mich über all die funkelnden Schneekristalle, und die wundersamen Formen, die der Wind in den Pulverschnee gefräst hat. Im Windschatten von Berg 294 halte ich schließlich Rast. 

Dieser Berg sticht heraus in diesem Bergkamm. Er ist höher als die anderen, und auch mächtiger in seiner Ausdehnung. Er war mir im vorigen Winter schon von weitem aufgefallen, weil seine markante Rundung in überirdisch schönes Licht getaucht war. Im Sommer passierte ich ihn dann an der Flanke. Ein Aufstieg war mir zu steinig und mühsam. 

Jetzt, im Winter, wäre es ein Leichtes gewesen, über den Schnee zum Gipfel aufzusteigen. Aber auch diesmal verzichte ich auf den Ausblick von ganz oben. Denn der Wind ist mittlerweile wirklich heftig und unangenehm geworden. Es bläst so stark, dass ich doch wieder ins Terrain unterhalb des Bergkamms ausweiche. So groß sind die Höhenunterschiede hier ja nicht. Auch wenn das ständige Auf und Ab durchaus anstrengend sein kann.

 

Ich genieße die strahlende Sonne

 

Im Windschatten dieses Berges halte ich Rast

 

Weiter südlich, dort wo der Bergkamm sanft in die Hochebene ausläuft, treffe ich schließlich auf eine Scooterloipe, die ich quere. Und nun ist Geduld gefragt. Denn das Gelände ist hier so flach, dass man sich Kilometer um Kilometer im Wind vorwärtskämpft, ohne das Gefühl zu haben, nennenswert weiterzukommen. Trotzdem verhindern sanfte Wellen in der Landschaft, dass ich die Hütte sehen kann, die mein Ziel ist. Ein größerer, schwarzer Vierkantstein inmitten der endlosen Weiße narrt mich zwar für kurze Zeit. Ein Glück, dass ich meine GPS-Punkte habe, die mir verlässlich den Weg weisen. 

 

Schier endlose Weite

 

Endlich taucht die Futelvstua vor mir auf

 

Schließlich sehe ich sie doch vor mir, die Futelvstua. Sie ist klein und halb eingeschneit. Und hat nicht einmal eine Klohütte dabei. Im Schnee entdecke ich Scooterspuren, die auf die Hütte zuführen. Die Tür ist allerdings ungeöffnet und im unteren Teil eingeschneit. Als ich sie endlich freigeschaufelt und fest dagegengepumpert habe, damit sie sich vom Eis löst, das sich zwischen Rahmen und Tür festgesetzt hat, sehe ich, dass auch das Vorzimmer der Hütte voller Schnee ist. Denn die Hütte ist alt. Wo Glasscheiben in den Fenstern fehlen, wurden einfach Bretter davor angenagelt. Und hier im Vorraum, der offenbar auch der Aufbewahrung von Holz zum Heizen dient, sind die Ritzen zwischen den morschen Wandbrettern unübersehbar. 

Ich schaufle also einen Gehweg durch das Vorzimmer bis zur nächsten Tür frei, die einigermaßen dicht ist und in die winzige Wohnküche führt. Dahinter ist noch ein kleiner Raum mit vier Stockbetten. 

Früher muss diese Hütte wirklich gemütlich gewesen sein. Und sie war jedenfalls über Jahrzehnte hinweg gut besucht, wie die Graffiti an den Holzwänden, Türen und Schränken zeigt. Zuerst denke ich, dass sich vor allem Liebespaare hier verewigt haben. Doch offenbar benutzten auch ganz normale Tourengeher die Wände quasi als Hüttenbuch.

Ich bin jedenfalls heilfroh und dankbar, dass die Hütte zugänglich ist. Sonst hätte ich heute noch zur Straße absteigen müssen. Es ist ja erst 13:00, als ich ankomme. Denn mit Zelt bei dem angekündigten Sturm in dieser Ebene ohne jeden Windschutz wäre nicht ratsam gewesen. Auch im Winschatten der Hütte selbst hätte ich kaum zelten können. Denn im Norden und Osten reicht der Schnee bis über die Fenster hinauf. Und an der West- und Südseite hat der Wind zwar eine Schneise in die meterhohe Schneedecke gefräst. Doch die ist gerade breit genug zum Gehen, reicht aber nicht für ein Zelt. 

Mir soll's recht sein. Denn wenn der Schnee hier genauso wie auf der Rückseite beinahe bis zum Dach gereicht hätte, hätte ich wohl um einiges länger schaufeln müssen. Ich mache mich also daran, mich gemütlich einzurichten. Der Küchentisch fasziniert mich. Denn mitten in die Tischplatte ist eine Art Kompassrose eingekerbt, die die Himmelsrichtungen anzeigt und auch wichtige Destinationen in der näheren und weiteren Umgebung, samt Kilometerangaben.

Als nächstes mache ich mich daran, den gusseisernen Ofen zu erkunden. Gute Geister haben auf der Hütte trockenes Brennholz hinterlassen (es ist im Schlafzimmer gestapelt, wo es weitgehend trocken ist), samt abgelösten Birkenrinden, die sich wunderbar zum Anheizen eignen. Und sogar einen großen Pappzylinder mit Anzündhilfen finde ich. Wunderbar! Doch als das Feuerchen gemacht ist und ich nachlegen will, fällt plötzlich im hinteren Bereich der Feuerkammer glühendes Holz, nein, nicht in die Aschenlade, sondern ganz nach unten, wo der Ofen eine nach vorn hin offene Kammer hat. Ich bin heilfroh, dass ich bei dieser Aktion nicht die Hütte in Brand gesetzt habe. Vorsichtig heize ich weiter, aber nicht ohne den Ofen dabei aus den Augen zu lassen. Er wärmt ohnehin nur, wenn man unmittelbar davor sitzt. 

 

Schnee im Vorraum

 

Kompassrose am Esstisch

 

Der gusseiserne Ofen

 

Die Holzwand dient als Hüttenbuch

 

Und dann höre ich plötzlich laute Motorengeräusche. Etwa zehn Scooterfahrer haben sich vor der Hütte versammelt. Zwei Erwachsene, ansonsten lauter Kinder, die gerade das Scooterfahren lernen, wie mir der eine der beiden Fahrlehrer:innen erklärt. Die Scooter sind hier offenbar allgegenwärtig, auch abseits der offiziellen Loipen. Es gibt kaum einen Norweger hier heroben, der nicht seinen eigenen Scooter hat, hatte mir Taxler Selvaste vor ein paar Tagen erklärt. Klar, es muss ein herrliches Gefühl sein, in den langen Wintern durchs Gelände zu flitzen. Laut Selvaste braucht so ein Scooter knapp 25 Minuten von Mehamn übers Fjell bis nach Skjånes. Ein Auto braucht 45 Minuten. Und ich mit meinen Schneeschuhen zwei Tage ...

Die Scooterschüler ziehen aber bald weiter. Und als es kurz darauf gegen 18 Uhr zu dämmern beginnt, verkrieche ich mich in meinen Schlafsack und schlafe wunderbar. Draußen heult und rüttelt der Wind an den altersschwachen Planken. Aber sie halten. 

Als ich am nächsten Morgen gut ausgeruht aufwache, ist die Hütte in dichten Nebel und Schneetreiben gehüllt. Der Wetterbericht hat das angekündigt. Und ich habe auch jedesmal, wenn ich in der Nacht raus musste aus der Hütte, eifrig Schnee geschaufelt. Denn die Idee, in der Hütte eingeschneit zu werden, ist nicht gerade prickelnd. Auch die Fenster wären kein geeigneter Fluchtweg gewesen. Denn zwei davon sind komplett zugeschneit. Und das dritte in Richtung Süden bis über die Hälfte von einem Brett vernagelt. Da hätte ich schon mit Brachialgewalt vorgehen müssen ...

 

Dienstag, 24. März 2026

Ich frühstücke also gemütlich, wissend, dass das Schneetreiben laut Wetterbericht um ca. 8 Uhr vorbei sein sollte. Als es gegen 9 Uhr aber immer noch schneit, mit Sicht gegen null, beschließe ich trotzdem in Richtung Mehamnelv bru aufzubrechen. Und ich nehme mir vor, Kolbjørn zu fragen, ob ich nicht irgendwohin eine Spende für die Benutzung der Hütte überweisen kann, vielleicht an den Scooterverein, denn die kümmern sich ja offenbar für die Versorgung mit Holz und allem. Und sie haben auch ein Auge auf die Hütte. Der Fahrlehrer gestern hatte mir gesagt, dass sie einfach vorbeischauen wollten, um zu sehen, ob eh alles passt. Klar, denn falls der Sturm die Tür aufgerissen oder sonstige Schäden angerichtet hätte, wäre es wohl bald endgültig aus mit der Benutzbarkeit.

 

Morgenstart bei Nebel und Schneetreiben

 

Ich marschiere also Richtung Straße hinunter. Zu Beginn des Wegs folge ich noch den roten Schneestangen, die hier aufgerichtet sind. Mit Mühe und Not kann ich immer gerade noch die allernächste Stange im Schneetreiben ausmachen. Manchmal nicht einmal das. Dann marschiere ich einfach geradeaus weiter, bis die nächste Stange dann doch noch auftaucht. Doch bald schon wird das Schneetreiben dünner und hört schließlich ganz auf. Und ich kann die Sonne durch die immer noch dunklen Wolken erahnen. Ein wechselhafter Tag erwartet mich – zeitweise strahlender Sonnenschein, dazwischen immer wieder lokale Schneewolken, die mich kurz in dichtes Treiben hüllen. Ein Potpourri, das immer wieder zu faszinierenden Lichtstimmungen führt ...

Nach ca. zweieinhalb Kilometern verlasse ich den markierten Weg und halte direkt auf Mehamnelv bru zu. Einerseits ist das eine gute Möglichkeit, um auf die andere Seite der Hochebene zu kommen. Aber ich gebe zu, dass ich es auch auf die Brücke über den Mehamnelva abgesehen habe, die sich dort befindet. Denn der Mehamnfluss ist viel breiter und tiefer als die anderen Fließwässer hier in der Gegend. Und die Möglichkeit, dass man dort einbricht, ist nicht verlockend. Als ich mich der Straßenkreuzung von Mehamnelv bru nähere, sehe ich dort rund 15 Scooter in Reih und Glied geparkt. Und dahinter einen Stapel an orangeroten Gegenständen, die sich beim Näherkommen als orange Netzsäcke gefüllt mit Holzscheiten herausstellen. Alles bereit also, um mit den Flitzern die umliegenden Hütten mit Holz zum Heizen zu versorgen. Denn für uns mag ein Ort wie Mehamn bereits Naturerlebnis pur sein. Doch die Norweger lieben Hütten, von denen aus sie ihren Freizeitvergnügen wie Eisfischen, Jagen, Scooterfahren etc. nachgehen können.

 

Scooterflotte bei Mehamnelv bru

 

Die Straße hier ist auch gut befahren, sodass ich in einer Notsituation wohl rasch ein Auto finden könnte, das mich nach Mehamn mitnimmt. Doch das habe ich nicht vor. Ich will ja zur Medtuva über die Hinterseite, also von Süd nach Nord. Die Landschaft ist auch hier von Längsrippen durchzogen, zwischen denen sich jede Menge Bäche und Seen befinden. Auf der Karte habe ich versucht, einen halbwegs guten Weg durch dieses Gewirr an Hügeln, Tälern und Gewässern zu finden. Doch in der Praxis schaut das Ganze gleich mühsamer aus. Zwar glaube ich bald die Medtuva in der Ferne zu erkennen. Doch sicher bin ich mir nicht. Und vor allem ist Gehen auf Sicht in dieser Landschaft trügerisch. Denn da ist der Berg, der noch kurz zuvor zum Greifen nah schien, plötzlich durch mehrere Täler von dir entfernt. Und auch wenn die Landschaft insgesamt leicht zu begehen ist, können doch auch steile Hänge oder tiefe Taleinschnitte das Weiterkommen erheblich erschweren oder gar unmöglich machen.

Ich beschließe also, mich auf das GPS zu verlassen, auch wenn sich die gewählten Punkte in der Landschaft nicht immer als die optimalsten herausstellen. Schließlich komme ich zu einem Gipfel, der über einen etwa 1 km langen Grat zu einem weiteren Gipfel führt. Eine Art Doppelgipfel also, genauso wie ich es auf der Landkarte auch für die Medtuva festgestellt hatte. Bis jetzt hatte ich den "hinteren" Gipfel der Medtuva nicht besucht. Und so fällt es mir zunächst auch gar nicht auf, dass mich noch ein weiteres Tal von meinem eigentlichen Wunschziel trennt.

Aber die Sonne scheint gerade so wunderbar, und ich bin so begeistert über "meinen" Doppelgipfel, dass ich auch dann noch eifrig weiterstapfe, als ich merke, dass der zweite Gipfel von einem Steinmann gekrönt ist. Die Medtuva hat so etwas nicht, obwohl sie im Gegenzug zu Berg 293 immerhin einen Namen trägt. Macht nix, denke ich. Lerne ich wenigstens wieder etwas Neues kennen.

 

Vereiste Bergkuppe

 

Komposition aus Wolken und Schnee

 

Anmutige Formen

 

Steinmann auf Berg 293

 

Als ich in Richtung Mehamn weiterstapfe, sehe ich vom Meer her eine dichte Schneewolkenfront auf mich zukommen. Bei weiter Sicht sieht man das immer so schön, wenn es irgendwo regnet oder schneit, weil die Wolken quasi "inkontinent" sind und nach unten hängende Schleier mit sich ziehen. Doch diesmal werde ich verschont und dafür mit einem wundervollen Farbspektakel am beginnenden Abendhimmel belohnt.

 

Abendhimmel bei Mehamn

 

Lediglich die geschätzten 2 1/2 bis 3 Kilometer am Zaun des Flughafenfeldes entlang und von dort mitten durchs Dorf bis zu meinem Quartier ziehen sich dann. Der Rucksack drückt, ich spüre plötzlich die Müdigkeit in den Gliedern und bin froh, als ich endlich gegen halb sieben die Haustür aufschließe und zu meiner Ferienwohnung im ersten Stock des "Blue House of Mehamn" hinaufstapfe.

 

Start Richtung Kinnarodden (35 km* )

Samstag, 28. März 2026

Eigentlich sollte diese Tour ja das Herzstück meines diesjährigen Winterurlaubs werden. Doch es kommt nicht immer so, wie man sich das vorstellt ...

Dabei scheint zunächst alles wunderbar zu passen. Der Wetterbericht sagt drei weitgehend sonnige Tage voraus. In den letzten Tagen hat es bis in die tieferen Lagen geschneit, sodass die Gegend wieder winterlicht weiß leuchtet. An einigen windgeschützten Stellen messe ich sogar bis zu 40 cm Neuschnee, bis die Stockspitze auf den vereisten Untergrund trifft. Das macht zwar das Gehen etwas mühsamer. Doch das nehme ich gerne in Kauf. Und genieße den herrlichen Sonnenschein, der den Schnee zum Funkeln und die umliegenden Berge zum Leuchten bringt.

Ich bin bereits um 1/2 4 Uhr morgens gestartet, beim ersten Morgenlicht. Die Tage werden jetzt schnell immer länger. Zu Beginn meiner Tour geht die Sonne kurz nach fünf Uhr auf und um 19 Uhr unter. 

Mittlerweile färben die ersten Sonnenstrahlen die Berge um mich bereits rosarot, mit auffällig blauen Schatten auch in natura, nicht nur auf den Fotos. Bald erreiche ich das Sørfjorddalen und biege vor der Medtuva und ihrem vierschrötigen, kleineren Nachbarn rechts in ein Seitental. Von nun an geht es hügelauf, hügelab durch Täler und über die sattsam bekannten Längsrippen bis zum höchten Punkt der Tour, der Bjørnviktuva mit ihren 328 Höhenmetern. 

 

Erste Sonnenstrahlen

 

Die Schatten sind auch in natura so blau

 

Selfie im Morgenlicht

 

Einstieg ins Sørfjorddalen

 

In diesem Seitental des Sørfjordelva geht's weiter

 

Die Landschaft weitet sich

 

Der Wind hat Wellen in den Schnee gefräst

 

Rechts die Bjørnviktuva, links die Skjøtninghalvøya

 

Gipfelrast auf der Bjørnviktuva

 

Der Wind bläst nun ziemlich scharf, laut Wetterbericht 11 m/sec. Und ich bin gespannt. Denn auf der anderen Seite der Bjørnviktuva am Bjørnvikvannet vorbei bis auf den gegenüberliegenden Höhenrücken liegt im Sommer der gefürchtetste Teil der Tour – riesige Steinblöcke und Platten wild durcheinandergewürftel, sogennanntes "storkløft", wie die Einheimischen es nennen. Doch nun ist der raue Untergrund zugeschneit. Nur hie und da ragen kleine Felsspitzen aus der dicken Schneedecke.

Der bereits genannte, knapp 300 m hohe Höhenrücken führt mich nun direkt in Richtung Kinnarodden. Rechter Hand öffnet sich eine weite Sicht, hinunter zum Magkeilfjorden, zur mächtigen Landzunge des Smørbringen, die sich wie ein Urzeitmonster ins Meer schiebt. Sogar den massigen Schädel des Bispen (deutsch: Bischof), einer weiteren Landzunge, kann ich von hier aus gut erkennen. 

 

Die Längsrippe des Smørbringen ist nun gut zu sehen

 

Doch der Wind ist so eisig, dass ich im Windschutz einer kleinen Höhenkuppe alles aus meinem Rucksack heraushole, was ich an Schichten zur Verfügung habe, und mich gut einpacke. Jetzt ist mir wieder warm! Und nicht weit entfernt von mir, aber abseits des mir bekannten, mit roten Ts markierten Sommerweges sehe ich einen Steinmann. Ich bin neugierig, gehe auf ihn zu und sehe, dass mich von dort weitere Steinmänner direkt zum Oberlauf des Sandfjordelva führen. 

Da ich den Weg zum Kinnarodden vom Sommer 2024 her kenne, bin ich bis hierher ohne GPS-Unterstützung gegangen. Doch nun schalte ich das Gerät ein, um zu checken, wo genau ich mich befinde. Und entdecke, dass neuerdings auf der Open-Street-Map die Kinnaroddentour als schwarzer Strich markiert ist. Und dieser schwarze Strich führt hier eben nicht parallel zum Sandfjordelva wie der Sommerweg, sondern genau diesen Fluss samt seinen kleinen und mittelgroßen Seen entlang. 

 

Unterwegs im Tal des Sandfjordelva

 

Der Fels ganz hinten gehört zum Kinnaren, dem linken Nachbarn des Kinnarodden

 

Hier geht's hinunter in den Kinnar-Sandfjorden

 

Richtung Kinnarodden ändern sich allerdings die Verhältnisse. Obwohl der Fluss dort, wo er in den Kinnar-Sandfjorden hinunter abzweigt, immer noch auf rund 160 m liegt, ist hier die Schneedecke bereits sehr dünn. Und soweit ich das von hier aus überblicken kann, dürfte es unten am Meeresufer mittlerweile ziemlich aper sein. 

Wo also mein Zelt aufstellen? Meine Schneeheringe reichen zu gut zwei Dritteln aus dem Schnee heraus. Das gibt Null Halt. Weiter unten im Fjord dürfte es noch viel schlechter sein. Und am Ufer des Sandfjorden entlang bis unterhalb des Nordavindskardet zu gehen, wo sich die Sandfjordgammen befindet, die Wanderern wie mir Zuflucht bietet, mag ich auch nicht. Erstens wären das noch gut zwei bis drei Stunden Fußweg gewesen, denn der Sandfjorden ist riesig in seiner Ausdehnung. Und wo ich im Sommer 2024 leicht übers trockene Ufergestein turnen konnte, ist diesmal wohl eine Mischung aus nassen bis vereisten Steinblöcken mit matschigen Schneeresten dazwischen zu erwarten. Nein danke.

Ich entschließe mich dann, im Windschatten von Berg 274 im Østavindskardet mein Glück zu versuchen. Aber auch hier ist die Schneedecke dünn. Schließlich finde ich am Fuß einer Schneewechte, die sich hier graziös in die Scharte herunterschwingt, etwas tieferen Schnee. Und es ist sogar eben hier. Sicherheitshalber checke ich noch am GPS, ob sich hier vielleicht ein See drunter befindet. Nein, da ist zwar ein kleiner Teich eingezeichnet, aber der liegt ein paar Meter entfernt. 

Ich stelle also das Zelt auf. Der Schnee ist vergleichsweise weich, obwohl es derzeit noch zwischen null und ein Grad plus hat. Morgen soll die Temperatur beim Kinnarodden auf bis zu 3 Grad steigen. Also schaufle ich über jeden Hering einen kleinen Schneeberg, bis ich mich sicher fühle, dass das Ganze auch heftigeren Windstößen standhält. Ich will ja morgen das Zelt hier stehen lassen und eine Tagestour mit leichtem Gepäck zum Kinnarodden, vielleicht mit Rückweg über den Sandfjorden, machen.

Doch dann kommt die unangenehme Überraschung. Dort, wo ich die Schneeziegel zum Beschweren der Heringe ausgegraben habe, füllt sich einer meiner Fußstapfen unten mit Wasser. Und auch ein zweiter Fußstapfen sieht am Grund ziemlich feucht aus. GPS hin oder her, ich stehe also genau auf diesem kleinen Teich, der sich eigentlich neben mir befinden sollte. Und zu allem Überfluss habe ich auch noch rund um das Zelt immer wieder Löcher in die Schneedecke eingegraben, für die Haufen über den Heringen.

 

Mein Zelt ist leider auf Wasser gebaut

 

Der Himmel hat sich in der Zwischenzeit verzogen, es wird bereits dämmrig und mir ist saukalt. Nein, ich habe keine Lust, jetzt nochmals alles im Zelt wieder einzupacken, das Zelt abzubauen und einen neuen Platz zu suchen. Für heute Nacht wird das Eis dank der Temperaturen um oder kurz über null wohl halten. Aber morgen, wenn es wärmer wird, muss das Zelt hier weg.

 

Sonntag, 29. März 2026

In der Nacht schlafe ich gut. Der Schlafsack wärmt schön. Doch als ich frühmorgens aufwache, werde ich draußen von dichtem Nebel und Schneeregen begrüßt. Ein Blick aufs Handy (ja, ich habe hier tatsächlich Empfang) zeigt mir, dass dieser Schneeregen bis Mittag anhalten soll. 

Frustriert streife ich den nassen Schnee vom Zelt und mache mich startklar. Den Tee fürs Frühstück und unterwegs habe ich in weiser Voraussicht bereits gestern abend zubereitet. Und nun die Entscheidung – soll ich mich wirklich durch diese Nebelsuppe die rund sechs Kilometer bis zum Kinnarodden durchkämpfen? Nur um dann bei Nebel auf dem Gipfel zu stehen, den ich genau so, nämlich in Nebel gehüllt, bereits vom Sommer 2024 her kenne? Samt schwerem Rucksack, den ich beim "Gipfelsturm" eigentlich im Zelt beim Sandfjorden lassen wollte? Oder soll ich mich durch den Nebel zur Sandfjordgammen (nw. gamme = alte Hütte) durchkämpfen, um dort das Ende des Unwetters abzuwarten? 

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr fühle ich, ich habe eigentlich keine Lust, mich bei diesem Sauwetter zum Kinnarodden oder zur Gammen durchzuschlagen. Noch dazu, wo ich ja schon weiß, wie es dort ausschaut. Also schreibe ich eine kurze Nachricht an Kolbjørn, der mich auch auf dieser Tour mental begleitet, dass ich die Tour abbreche und nach Mehamn zurückgehe.

 

Nebel und Schneeregen am nächsten Morgen

 

Die ganze Strecke bis zur Bjørnviktuva ist die Sicht extrem schlecht

 

Die ganze Strecke bis zurück zur Bjørnviktuva bin ich praktisch "blind". Nebel und Schneetreiben samt Schneedecke lassen alles zu einem einzigen Weiß verschwimmen, in dem man nicht einmal weiß, geht es jetzt bergauf oder bergab. Immer wieder habe ich Halluzinationen über Geländeformationen, die sich dann als falsch herausstellen. Und Richtungen? Im Nebel? Da haben sich bekanntermaßen bereits ausgezeichnete Geländekenner verirrt.

Einzig mein GPS zeigt mir unermüdlich den Weg. Manchmal reißen kurze Sichtfenster auf, die zumindest die Nahorientierung erleichtern. Manchmal helfen auch schwarze Steine im Schnee bei der Einschätzung, ob es gerade runter oder rauf geht. Immer wieder passiert es mir, dass ich total irritiert bin über die Richtung, die das GPS anzeigt. Aber ich weiß von früheren Touren, dass ich ihm vertrauen kann. 

Nach sechs langen Stunden, in denen ich immer wieder mühsam die Gehrichtung mit Hilfe des GPS justieren muss, erreiche ich schließlich gegen Mittag den Gipfel der Bjørnviktuva. Und hier wird die Sicht schlagartig besser. Zwar streunen immer noch kleinere, inkontinente Schneewolken herum, die mich kurzfristig in einen kleinen Schauer aus Eisregen hüllen. Doch die Orientierung ist nun wieder gut. Und bald setzt sich auch die Sonne immer mehr am Himmel durch. 

 

Scooterspuren im Seitental des Sørfjordelva

 

Hier biege ich nach links ab Richtung Mehamn

 

Nachdem ich die Längsrippe des Smørbringen überquert habe, die sich vom Meer bis hier herauf und weiter in Richtung Süden zieht, sehe ich im nächsten, namenlosen Tal die erste Scooterspur auf dieser Tour. Sie ist bereits einigermaßen verweht, dürfte also vom Vortag stammen. Die Spuren führen weiter durch den Seitenfluss des Sørfjordelva, wo sie teils in Richtung Ostebakkvannet, teils nach rechts Richtung Medtuva weiterführen. Ich jedoch biege nach links ins Sørfjorddalen und marschiere von dort in Richtung Rundhaugen, dem Hausberg der Mehamner.

 

Ausklang

Dieter hat mich zwar nicht auf meiner Kinnaroddentour begleitet. Doch Daniela und Dieter haben beschlossen, mich über die Osterfeiertage in Mehamn zu besuchen. 

 

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* Anm.: Die Strecke Mehamn-Kinnarodden und retour beträgt eigentlich 47 km. Die 35 km beziehen sich auf die tatsächlich zurückgelegte Strecke bis zum Kinnar-Sandfjorden und retour.