Spirituelle Traumarbeit

 

"Wir müssen das große Potential erkennen, das der Traum für die spirituelle Reise beinhaltet."

Tenzin Wangyal Rinpoche

 

Viele spirituelle Traditionen weisen den Träumen eine ganz besondere Bedeutung zu. Denn sie zeigen uns unsere Wunden und die Denkmuster, die uns in unserer Entfaltung behindern. Träume haben aber auch ein großes Heilpotential, und sie helfen uns, den  Kontakt zum Selbst, zur inneren Führung zu finden.

“Wir müssen das große Potential erkennen, das der Traum für die spirituelle Reise beinhaltet", sagt der buddhistische Bön-Meister Tenzin Wangyal Rinpoche. "Normalerweise halten wir Träume für 'unwirklich', im Gegensatz zum 'wirklichen' Leben im Wachzustand. Aber es gibt nichts Wirklicheres als Träume. Diese Feststellung macht nur Sinn, wenn wir verstehen, dass das normale Alltagsleben genauso unwirklich ist wie ein Traum, und zwar in genau derselben Weise.” 1)

Nicht nur im Traum, auch im Wachzustand schaffen wir uns unsere eigene Welt im Kopf. Sicher, da gibt es Inputs über die Sinnesorgane. Doch wie diese verarbeitet, eingeordnet und gedeutet werden, beruht auf unseren Erfahrungen und Vorannahmen. Die Arbeit mit Träumen kann uns helfen, diese Denkmuster zu erkennen und neue Möglichkeiten zu entdecken. Unsere Träume werden allmählich klarer, und das spiegelt sich auch in unserem Alltagsbewusstsein wider. 2)

Auf diese Weise werden wir innerlich frei. Im Grunde waren wir immer frei. Die Fesseln haben nur in unserer Vorstellung existiert. In den Worten des Sufimeisters Vilayat Inayat Khan: "Oh Mensch, wüsstest du nur, dass du frei bist! Dass du das nicht weißt - darin besteht dein Gefängnis." 3)

 

Die Bedeutung von Träumen im Retreat

Innerhalb der Sufi Order International hat sich vor allem Nigel Hamilton, Begründer der Sufi Order UK und Direktor des Centre for Counselling & Psychotherapy Education in London, intensiv mit den Potentialen des Träumens beschäftigt. In seiner Doktorarbeit 4) konnte er nachweisen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen unseren Träumen und den Bewusstseinsebenen gibt, auf denen wir uns gerade befinden. Besonders deutlich ist das im Retreat, wo die Träumenden von den Einflüssen der Außenwelt abgeschirmt und ganz auf die innere Welt fokussiert sind. Aber auch im Alltagsleben durchlaufen wir immer wieder bestimmte Entwicklungsprozesse und -stufen, die sich in unseren Träumen widerspiegeln.

Mit Hilfe der Träume ist es möglich, die Retreatants sehr behutsam und präzise anzuleiten. Die Träume zeigen, welche Ressourcen gerade nötig sind. Und sie bieten besonders kraftvolle und wirksame Bilder für die Meditation.

 

Mit Träumen im Wachzustand arbeiten

Für die Arbeit mit Träumen außerhalb des Retreats hat Hamilton den sogenannten Wachtraumprozess entwickelt, bei dem die Klienten im Wachzustand den Traum noch einmal durchleben, diesmal aber bewusst. Ein wichtiger Teil dieses Prozesses ist es, auf die Resonanz des Traumgeschehens im Körper zu achten. Das hilft, die Traumarbeit authentisch zu machen, und "erdet" die Träumer. Hamilton: "Wenn wir der Spur der Träume in unserem Körper folgen, arbeiten wir mit der ganzen Person - mit Körper, Denken und Empfindung, Seele und Geist." 5)

Träume helfen uns wahrzunehmen, was sich in unserem Inneren abspielt. Wir lernen, unsere Gefühle und unsere tiefsten Wunden und Blockaden wahrzunehmen und in unserem Inneren zu "halten", vorurteilsfrei. Dadurch kann die Energie wieder zu fließen beginnen und in Balance kommen. Auf diese Weise können die Träume einen tiefen inneren Heilungsprozess auslösen, der zum spirituellen Erwachen führt.

Nähere Informationen zum Thema spirituelle Traumarbeit und zum Wachtraumprozess (mit Videobeispielen) finden Sie auf der Website des Dream Research Institute und in Hamilton's Buch “Awakening Through Dreams. The Journey Through The Inner Landscape” 5), das leider nur auf Englisch erhältlich ist.

 

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1) Wangyal, Tenzin, Übung der Nacht: Tibetische Meditationen in Schlaf und Traum. Goldmann 2008. Die Zitate auf dieser Website wurden allerdings der englischen Originalversion des Buches entnommen und von mir ins Deutsche übersetzt: The Tibetan Yogas of Dream and Sleep, ed. by Mark Dahlby, Delhi 2004, p. 23.

2) Hazrat Inayat Khan sieht einen klaren Zusammenhang zwischen der spirituellen Entwicklung eines Menschen und der Fähigkeit, sich seiner Träume und deren Bedeutung bewusst zu werden (siehe z. Bp. HIK, Spiritual Liberty, Geneva 1979, S. 29).

Manche Träumer beginnen nun auch, "luzide" zu werden, d.h. sie werden sich im Traum bewusst, dass sie träumen, und können mit etwas Übung auch in Dialog mit dem Traum treten und das Traumgeschehen beeinflussen. Einen schönen Überblick über das Potential von luziden Träumen und darüber, wie luzides Traumbewusstsein und spirituelle Reifung Hand in Hand gehen, zeigt Robert Waggoner in “Lucid Dreaming. Gateway to the Inner Self, San Francisco 2009.

3) Pir Vilayat hat dieses Zitat oft verwendet. Die Version hier stammt aus einem Gespräch mit Jeffrey Mishlove. Quelle: www.intuition.org/txt/khan.htm.

4) Hamilton, Nigel, The Role Of Dreams In The Study Of Human Transformation, PhD Thesis DeMontfort University 2006.

5) Hamilton, Nigel, Awakening Through Dreams. The Journey Through The Inner Landscape, Karnac Books, London 2014, Seite 188.